Horizonte in Brasilien 2

– Aus unserem brasilianischen Reise-Blog –

Deutsch-Brasilianischer Alltag in Picarras

22. November 2010 ·  Der Schein trügt nicht – Alltag in Caminar Juntos, Picarras

In den letzten 3 Wochen ist bei uns eine alltägliche Stimmung eingetreten. Wochentags geht es morgens mit dem Fahrrad zu Caminhar Juntos und wir spielen und lernen mit den Kindern. Wenn wir nicht über Mittag dableiben und auch die Nachmittagsgruppe begleiten, wird Zuhause gelernt, und Kuchen gegessen. Danach gehen wir bei gutem Wetter an den Strand – für Fussballtraining und Wellenspass. Abends kocht Vater  öfters, Mutter hat Zeit zum Lesen oder Skyen, die Kinder gießen Blumen und Rasen.  In der Straße nahmen anfangs  nur die Hunde von uns Notiz  (zunächst böse bellend, jetzt Schwanz wedelnd). Mittlerweile grüßen auch manche Nachbarn  freundlich, die Kinder beginnen miteinander zu spielen. Beim täglichen Brötchenkauf sind die Bäckersfrauen nach wie vor entzückt, wenn sie Niklas und Jasper sehen („que lindo“).

Die Beiden kommen mit ihrer Sonderrolle im Kinderheim jetzt besser zu recht und sind dort  akzeptiert. Die Kämpfe und Anmachspielchen von seiten der Mädchen lassen nach, jeder findet seine Spielkameraden und Möglichkeiten sich zu beschäftigen.

 

Die Kinder merken, dass Niklas und Jasper den anderen beim schulischen Lernen etwas voraus haben und sind neugierig wie aufnahmebereit. Wir Erwachsenen (beide haben wir mal Pädagogik studiert!?) schaffen es mittlerweile trotz beschränkter Sprachkenntnissen, ein Spiel anzuleiten, ohne dass daraus gleich Chaos entsteht.

 

 

 

Wenn man sich mit einzelnen Kindern beschäftigt oder in die morgendliche Runde schaut, blicken alle wie die liebsten Engel. Dies kann sich schnell ändern, wenn irgendein Kind  meint, dass es zu kurz kommt oder Vorrechte hätte, beispielsweise unbedingt den Ball für sich behalten will. Dann kommt es innerhalb von Sekunden zu  Raufereien, die jeweiligen Geschwister kommen als Verstärkung hinzu.

 

Die Erzieherinnen treten beherzt ein. Im Nachgang zeigen sie Geduld und Klarheit. Mal mit mal ohne den Bezug auf Gott appellieren sie an den gegenseitigen Respekt. In der Beobachtung können wir viel über Zwischentöne, Stimmungen und persönliche Wirkungen erfahren, die jeder Erwachsene bzw. Äußerung in Abhängigkeit von der Situation und den anwesenden Kindern  hervorruft.

 
 
Beim gemeinsamen Mittagessen im Kinderheim
Regeln und Respekt lernen beim Basketball
Gerda und Irma engagieren sich seit Jahren

An den Wochenenden haben wir frei und machen öfters Ausflüge ans Meer. Mal mit dem Rad, mal eingeladen im Auto von Gerda, Irma, Irena oder Elisabeth.

Diese vier verfügen allesamt über viel Lebenserfahrung, wie wir aus den Gesprächen erfahren. Irma hat ein Altersheim über viele Jahre aufgebaut und geleitet, Gerda als Diakonieschwester im Amazonas und Pernambuco den Weg zu den Armen und Kranken gesucht. Bei Caminhar Juntos setzt sich jede der vier – fest im christlichen Glauben  – für die Kinder ein, ohne etwas davon zu erwarten. Es wird eingekauft für die Kinder, es werden Tische und Geräte von anderen Institutionen abgeholt, weitere Freiwillige gesucht und einbezogen, die Abrechnung monatlich exakt abgewickelt. Die Dokumentation und Abrechnung aller Aktivitäten und Ausgaben erfolgt akribisch. Für den geschenkten Fussball erhalten wir eine Bescheinigung, die einem Diplom gleich kommt.

Nach dem schweren Rückschlag vor einem Jahr, als der Berg nach 13 Wochen Regen abrutschte und das Kinderhaus unbewohnbar machte, hat sich das Projekt wieder stabilisiert.  Alle hoffen nun darauf, dass man die Anerkennung von Caminhar Juntos bei den Behörden im nächsten Jahr erreicht und einen Teil der Kosten von dort übernommen werden. Wir drücken fest die Daumen!

 

Zwei weitere Ausflüge wollen wir kurz skizzieren:

 

1. Visum verlängern: Mitte November sind
unsere 90 Tage Touristenvisum um.

Wir fahren deshalb zur  Policia Federal in Florianopolis. Als wir dort  erfahren, dass wir hierfür 268 Real bezahlen müssen, schlägt unsere Begleiterin Elisabeth vor, diese Ausgabe zu sparen. Es wäre möglich, beim geplanten Trip nach Foz de Iguaca (Ende November) nach Argentinien auszureisen, um dann erneut mit einem 3-Monatsvisum einzureisen.  Dies klingt gut, doch was ist, wenn sich irgendeine Regelung geändert hat oder ein Beamter quer stellt, wie wir in Internet-Blogs gelesen haben? Geld ausgeben oder abwarten?  Unsere Entscheidung fällt auf Grund der Überlegung, was uns jetzt unsere nächsten Verwandten raten würden: Bezahlen und damit erledigt!

Hinterher feiern wir den weiteren Verbleib in Brasilien in vorweihnachtlicher Stimmung in einem Shopping-Center.

Kontraste: Im weihnachtlichen Shoppingcenter
Kontrastprogramm Vergnügungspark

2. Beto Carrero – Ganz in der Nähe gibt es den größten Vergnügungspark Südamerikas. 

Blöd oder korrekt wie wir sind, fahren wir dort mit dem Bus am Samstag hin – statt in der Woche. Es ist mäßiges Wetter, also glauben wir, dass nicht viele Leute dort sein werden. Pustekuchen! Hunderte von Schulklassen werden in Schulbussen angekarrt. Alle haben einheitliche T-shirts mit Sprüchen drauf. Auf einem steht vorne: Sicherlich kennst du die sieben Weltwunder. Wir von der Klasse… sind das achte! Die Stimmung ist trotz langer Warteschlangen grandios. Offensichtlich lieben es die Brasilianer mehr als andere, in der Schlange zu stehen, weil sie in dieser Zeit locker reden oder flirten können und sonst niemand etwas von einem will… Jasper und Vater halten also tapfer 1,5 Stunden durch, um 1x eine Erwachsenen-Achterbahn zu fahren. Den Videofilm und die Schreie könnt ihr Zuhause sehen.

Der Tag ist voll mit Attraktionen und wir kommen auf unsere Kosten.

Natürlich sind es kurze Vergnügungshäppchen, in denen man irgendwie befördert wird und die Nerven angespannt sind.

Wer naß wird bei der Wasserrutsche lacht.

Wenn wir doch sonst alle so geduldig und frohgemut wären wie in diesem Spassland.

Und am nächsten Tag macht jede/r tapfer weiter in seinem Job – sei es im Büro oder  an irgendeiner Kasse im Supermarkt. Die Müllsammler mit ihren Pferden und die Kinder von Caminhar Juntos träumen vielleicht von solch einem Tag…

In unserer Familie geht die Diskussion um Arm und Reich, um Glück, (Un-)Gerechtigkeit und soziale Verantwortung weiter.

Dies nicht zuletzt,  nachdem wir am Sonntag zu Gast bei einer überaus freundlichen brasilianischen Kleinfamilie waren. Vater, Mutter und Tochter leben in einer Villa mit 600qm mit Swimmingpool und eigenem Kinosaal in der Nähe vom Strand.

Er war als Topmanager in Brasilien zuständig für die Betreuung der A-Kunden einer weltweiten Firma, sie war gleichfalls beruflich erfolgreich und ist nun nahezu täglich im Einsatz bei Caminhar Juntos. Die Tochter kämpft sich gerade durch das Bewerbungsverfahren einer großen international agierenden Bank. Unsere Jungs staunen ob dieser Gegensätze und tendieren mal in diese oder jene Richtung. Eine Playstation wäre toll, aber mit der Familie unterwegs zu sein, ist (momentan jedenfalls) noch besser.

Mehr Infos findet ihr unter: http://www.caminhar-juntos.de.

Müllsammlerin mit Kutsche